Interview mit Adelheid Rahmen-Weyer

Köln, April 2009

 

Adelheid Rahmen-Weyer arbeitet als wissenschaftliche Referentin in der LVR-Archivberatung, sie hat als freiwillige Helferin die Bergungsarbeiten nach dem Einsturz des Historischen Stadtarchivs unterstützt. Nach einem Einsatz am Unglücksort in der Severinstraße, war sie bereits mehrmals im sogenannten „Erstversorgungszentum“ aktiv, das ist eine umfunktionierte Lagerhalle in Köln-Porz. Mit Schutzanzug, Sicherheitsschuhen, Staubmaske und Handschuhen leistet sie gemeinsam mit anderen Freiwilligen wichtige Vorarbeit für die Restaurierung des Archivguts. Mit einer Clubschwester hat sie über ihre Erfahrungen dort gesprochen.

Wie sieht deine Arbeit im Erstversorgungszentrum aus?
Etwa 10-15 Freiwillige arbeiten dort in einer großen Halle. Jeder nimmt sich die Kartons mit verdrecktem, unsortiertem Archivgut vor, die von der Einsturzstelle kommen. Den Inhalt der Kartons arbeiten wir dann Stück für Stück ab: Wir sortieren nach Zustand, feucht oder trocken, wir reinigen das Material und dann machen wir eine Ersterfassung auf Listen. Es gibt zwei Schichten, ich bin in der Frühschicht von 07.00 Uhr bis 14:00 Uhr.

In welchem Zustand kommen die Sache da an?

Die Archivalien sind in ganz unterschiedlichem Zustand. Ich habe wirklich zerfledderte, zerstörte Sachen gesehen. Kartons, wo man den Deckel aufmacht und da sind nur noch Brösel drin. Aber wir sind angewiesen nichts wegzuschmeißen. Auch diese Brösel werden aufbewahrt, in sogenannten Klappmappen. Die Kölner Archivleute reden da schon mit schwarzen Humor von den „Köln-Flocken“ [in Anlehnung an die Haferflocken-Marke Kölln-Flocken, die Red.]. Viele andere Sachen sind relativ gut erhalten. Bei den meisten Aktendeckeln etwa sind die Archivsignaturen noch gut lesbar und man kann die Betreffe erkennen. Ich hatte zum Beispiel eine Reihe Personalakten. Manche Akten mit preußischer Fadenheftung hatte ich in der Hand, die hatten nicht mal eine Schramme. Aber wir müssen wirklich viel säubern. Es ist Mörtel dabei, sogar Glassplitter, es ist schon sehr schmutzig. Trotz Schutzanzug ist man hinterher richtig verdreckt.

Was passiert mit den Sachen, die du gesäubert hast?
Was man sortiert und gesäubert hat, kommt eine Wanne. Jede Wanne, die man nimmt, bekommt ein fortlaufende Nummer. Die gesäuberten Sachen werden fortlaufend abgelegt und in einer Liste erfasst, die man hinterher an die Wanne klemmt. Das ist die sogenannte Ersterfassung.
Die Wanne werden über das gesamter Bundesgebiet auf die Archive verteilt, überall wo Platz ist und später mittels Computer zusammengeführt. Daher sind die Listen sehr wichtig.

Auch die Brösel werden irgendwann restauriert. Sie sollen mittels einer Technik wieder zusammengeführt werden, die schon bei der Rekonstruktion vernichteter Stasi-Akten verwendet wurde. Diese Technik wird noch verfeinert, wir haben es hier ja oft mit handschriftlichen Dokumenten und nicht mit Texten aus Schreibmaschine oder PC zu tun.

Was treibt dich an, um halb sechs aufzustehen und mit Staubanzug und Mundschutz Kartons zu schleppen und regelrechte Reinigungsarbeit zu leisten?
Das ist leicht zu beantworten! Ich tue es nicht für die Stadt, ich tue es nicht für die KVB. Ich tue es vielleicht ein bisschen für die Kolleginnen und Kollegen aus dem Archiv, aber ich tue es wirklich aus einer großen Liebe zu unserer Geschichte. Ich will diese Dokumente unserer Vergangenheit bewah-ren! Das ist ein gutes Gefühl. Ich war äußerst befriedigt, als ich mit meiner Schicht fertig war. Also ich hab so ein Gefühl eigentlich nicht oft, wenn ich sonst aus dem Büro komme. Im Erstversor-gungszentrum ist es so: Du hast eine wichtige, wertvolle Arbeit gemacht. Dieses Kulturgut zu er-halten, das ist einfach der Ansporn und das merkst du auch bei den anderen Helfern. Die sind unglaublich konzentriert, es ist ein unglaublich positive Stimmung in diesem Raum, die sind ja alle freiwillig da. Archivgut ist immer einmalig und diesen bedeutenden Schatz zu erhalten, dazu beizutragen, das ist schon was Besonderes.

Was macht die Archivalien so bedeutend?
Köln ist wie keine andere deutsche Stadt, hier hat die Überlieferung sehr früh eingesetzt, schon im 10. Jahrhundert. Es ist das älteste und wertvollste Archiv nördlich der Alpen. Die Stadt bekam sehr früh die Stadtrechte und im Mittelalter war Köln die größte und bedeutendste Stadt in Deutschland. Eine wirkliche Weltstadt und das dokumentiert auch der Archivbestand. Es gibt allein 60 000 Pergamenturkunden. Die Archivalien stammen auch teilweise aus den aufgelösten Klöstern und Stiften. Und dann natürlich die städtische Überlieferung: Bis zur Jetztzeit ist alles erhalten, Ratsprotokolle ab dem 14. Jahrhundert, Schreinsbücher (ein Kataster seit dem Mittelalter). Dieser Umfang und diese Vielfalt sind im Archivbereich schon einzigartig. Was mir immer bei den Pergamenten so am Herzen lag, war der Verbundbrief von 1396. Eine ständische Verfassung, die die Position der Gaffeln und Zünfte stärkt, die Gaffeln sind auch mit ihren angehängten Siegeln vertreten.

Was war deine erste Reaktion, als du von dem Unglück gehört hast?
Ich war auf dem Weg nach Italien und hatte gerade Station in Genf gemacht. Dort habe ich es zunächst nur im Internet gesehen. Zuerst habe ich es gar nicht kapiert, es ist nicht im Kopf angekommen. Als ich es dann in Italien im Hotel in den Zeitungen las, war ich wie gelähmt und musste es erst mal realisieren. Später habe ich wirklich da gesessen und geheult. Ich habe eine Archivarin und Freundin aus Neuss angerufen. Sie war in einem ähnlichen Zustand und hatte sich schon zum Hilfseinsatz gemeldet. Das war schnell unsere Idee, dass wir gesagt haben: Wir helfen! Aber da war zuerst dieser Schock. Was mir besonders zu schaffen macht ist, dass es keine Naturkatastrophe war, sondern ein selbst verursachtes Unglück ist. Es war abwendbar, da hadere ich total mit.

Was glaubst du, wie es nun weitergeht?
Nachdem ich im Erstversorgungszentrum gesehen habe, wie viele Wannen schon mit bearbeiteten Material gefüllt waren – wir waren bei Laufnummer 6500 – halte ich die Prognose für realistisch das 70-80 % des ursprünglichen Bestandes gerettet werden können. Allerdings wird das auch 20-30 Jahre dauern.

Was ein bisschen beruhigt ist, dass die Altbestände mikroverfilmt sind, die liegen in dem berühmten Oberrieder Stollen, in Süddeutschland. Dort sind sie für die Ewigkeit erhalten oder zumindest eine sehr lange Dauer. Dass heißt also, an die Infos in diesen Archivalien kommst du noch immer ran, aber das Original ist möglicherweise für immer verloren. Die modernen Sachen sind dort nicht erfasst. Die Stadt Köln hatte ja außerdem auch über 700 Nachlässe in dem Archiv. Der von Heinrich Böll ist ja sehr bekannt, aber auch Nachlässe von Künstlern, Architekten, Politikern waren darunter, außerdem 80 000 Fotos. Man wird sehen müssen, was davon wieder auftaucht.

Hast du bei der Aktion schon mal was in den Händen gehabt, das dich besonders beeindruckt hat?

Ich hatte Personenstandsregister von um 1900 in den Händen, aus dem Stadtteil, wo ich aufgewachsen bin. Ich kannte viele Straßen und auch die Namen der Personen teilweise. Das war schon eigenartig, weil man dachte: Du kennst das, du kennst Leute, die diese Namen tragen, du kennst die Orte. Wir sind aber gebeten worden uns nicht festzulesen. Wenn die Experten unter den Freiwilligen einen Aktendeckel aufschlagen, fangen die automatisch an zu lesen. Da muss man aufpassen, dass man sich nicht zu sehr vertieft, sonst dauert die Rettung noch länger!

Mit Adelheid Rahmen-Weyer sprach Gabriele Dafft.


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