Die Reise nach Bethlehem oder Drei Soroptimistinnen in Palästina

Bethlehem, 03.11.2008

 

Am 3. November 2008 sollte es endlich losgehen: Wir starteten am Kölner Hauptbahnhof unsere lang geplante Reise nach Bethlehem. Wir, das sind drei Soroptimistinnen, Christiane Blass und Irmgard Zierden (Club Köln) sowie Eunice Ising (Club Köln-Römerturm). Mit von der Partie waren drei Sporttrainer, die unter der Leitung von Werner Schleicher (Sportamt der Stadt Köln) als offizielle Delegation die Partnerstadt Bethlehem besuchten, um dort Seminare durchzuführen. Da die Stadt Köln über langjährige Erfahrungen mit ihren Partnerstädten in Israel und Palästina verfügt, waren wir froh, uns dieser erfahrenen Delegation anschließen zu können.

Im Jahr zuvor hatten wir Benefizkonzerte veranstaltet und Hunderte von Plätzchen gebacken, um diese als „Sterne von Bethlehem“ auf dem Weihnachtsmarkt zu verkaufen. Und nun wollten wir gerne persönlich die Spende von 9.500 Euro, die die beiden Clubs zusammengetragen haben, an das Guidance and Training Center (GTC) in Bethlehem überbringen. Dieses Zentrum ist die einzige auf kriegstraumatisierte und psychisch erkrankte Kinder spezialisierte Ambulanz im Westjordanland.

 

Unser Flug ging nach Tel Aviv. Die Sicherheitskontrollen waren schon im Frankfurter Flughafen sehr streng und auch zeitaufwändig. Die israelischen Sicherheitsbeamten waren dabei aber immer höflich und freundlich. In Tel Aviv gelandet, empfing uns ein Minister der israelischen Regierung und führte uns problemlos durch die Kontrollen. Die Stadt Köln hatte die Delegation und uns bei der israelischen Botschaft angemeldet. Welch ein Luxus!

Hani, unser palästinensischer Taxifahrer wartete schon auf uns. Er ist im Besitz einer der begehrten Passierscheine, sodass er uns direkt nach Bethlehem fahren konnte. Normalerweise wird man von einem israelischen Fahrer bis zur Stadtgrenze gebracht, muss dann zu Fuß mit den Koffern durch den Check Point, der sehr an die Kontrollen im damals geteilten Berlin erinnert, um dann in Bethlehem von einem palästinensischen Taxi bis zum Hotel gefahren zu werden. Dieser Umstand schreckt viele Touristen ab, Bethlehem zu besuchen. Wir hatten es bequemer. Trotzdem haben wir sie gleich am ersten Abend in aller Wucht und Größe gesehen, die 12 Meter hohe Mauer, die um Bethlehem und an die Grenze zum Westjordanland gebaut wurde, aus Sicherheitsgründen, wie die Israelis argumentieren.

Unsere Bleibe für die kommenden Tage war das „Grand Hotel“ in Bethlehem, wobei der Name nicht auf Luxus schließen lassen sollte. Es war eine einfache und freundliche Herberge. Wir wurden an unserem ersten Abend von zwei Delegierten der Stadt Bethlehem herzlich empfangen und im Hotel gleich zum Essen eingeladen. „Nur eine Kleinigkeit“, wie sie meinten. Die nahm aber kein Ende, und schließlich bog sich der Tisch unter all den leckeren Vorspeisen.

Wir haben uns sofort sehr wohl gefühlt, die Menschen waren so zugewandt und gastfreundlich. Sie fühlten sich geehrt, dass wir nach Bethlehem (und damit ins palästinensische Autonomiegebiet) gekommen waren, um ihnen unseren Besuch abzustatten. Die Palästinenser, die wir in dieser Zeit näher kennen gelernt haben, waren Christen oder Muslime und beteuerten uns immer wieder, friedliebend zu sein. Wir bekamen einen anderen Eindruck von diesen Menschen, als uns die Fernsehbilder in Europa so manches Mal vermitteln.

 

Während die Trainer am nächsten Morgen gleich mit ihrem Seminar begannen, wurden wir von unseren Gastgebern im Auto durch Bethlehem und Umgebung gefahren. Was für eine Stadt! Während der letzten Intifada noch z.T. zerstört, blüht sie jetzt wieder auf. Die meisten Touristen befanden sich natürlich um und in der Geburtskirche Jesu. Und der größte Teil von ihnen verlässt danach die Stadt sofort wieder, –sehr zum Leidwesen der Bevölkerung, die auf die Einnahmen aus dem Tourismus angewiesen ist.

Trotz der sauberen Straßen erkennt man die Armut der Menschen sofort. Alles, was sie verbrauchen, auch Wasser und Strom, müssen sie vom israelischen Staat kaufen. Bis auf das Bearbeiten von Perlmutt und das Schnitzen von Figuren aus Olivenholz, gibt es keine eigene Industrie. Und überall in der Stadt ist die Mauer gegenwärtig, eine Grenze, die die Einwohner von Bethlehem ohne Passierschein nicht überqueren dürfen. Und den bekommen nur die Wenigsten nach einem für die Palästinenser nicht durchschaubaren Prinzip. So können sie nicht mehr ans Meer fahren oder Verwandte und Freunde in Israel besuchen. Sie können ihre Felder außerhalb der Stadt nicht mehr bestellen und keiner Arbeit in Jerusalem oder anderswo nachgehen. Die meisten sind ihrer Einnahmequellen beraubt.

 

Tief beeindruckt von dieser Situation besuchten wir dann am Nachmittag mit Werner Schleicher die deutsche Schule „Talita Kumi“, wo palästinensische Kinder ein deutsches Abitur absolvieren können. Die Schule ist dank unterschiedlicher Spenden gut ausgestattet, aber die Situation wird auch hier als bedrückend empfunden. Der Leiter der Schule, Herr Dürr, stieg mit uns auf die Dachterrasse. Von oben sahen wir, wie die Mauer das Land zerteilt. Wir konnten die vielen Hügeln um Bethlehem sehen, auf denen auch heute noch – nach dem offiziellen Siedlungsstopp – moderne jüdische Siedlungen entstehen. Dorthin führen Tunnel und durch Mauern geschützte Straßen, die von den Palästinensern nicht benutzt werden dürfen. Von oben betrachtet wird deutlich, wie zerstückelt dieses Land inzwischen ist.

Der kommende Tag war gefüllt mit offiziellen Terminen. Wir Soroptimistinnen besuchten mit Werner Schleicher eine städtische Mädchen-Grundschule. Einige Kinder kamen uns sofort ganz begeistert entgegengelaufen und stellten sich auf Deutsch vor. Die Direktorin zeigte uns stolz einen durch Spenden finanzierten Raum für den Deutschunterricht, der erst kürzlich eingeweiht wurde. Im Anschluss besuchten wir alle Klassen und wurden von den eifrigen, strahlenden Mädchen immer mit einigen deutschen Sätzen begrüßt.

 

Den folgenden Tag hatten wir zur freien Verfügung. Wir drei nutzten die Gelegenheit, fuhren ins nahe gelegene Jerusalem und tauchten ein in eine faszinierende fremde Welt. Wir besuchen den Ölberg, den Garten Gethsemane, die Via dolorosa, die Grabeskirche und die Klagemauer. Uns begegnen die Ursprünge der eigenen Kultur dicht neben denen der Araber und Juden unterschiedlichster Herkunft. Wenn ein Ort der Bezeichnung „melting pot“ gerecht wird, dann sicherlich Jerusalem. Zweimal machten wir Rast in einem österreichischen Hospiz, einer Herberge für Pilger mit einem Cafe, wo es Sachertorte und Wiener Kaffeespezialitäten gibt. Mit dem öffentlichen Bus Nr. 720 fuhren wir am Abend zurück nach Bethlehem und siehe da, der Bus überquerte ebenfalls ohne Kontrollen die Grenze nach Palästina. Im Nachhinein erfuhren wir allerdings, dass dem nicht immer so sei.

Den Abschiedsabend verbrachten wir mit einigen Lehrern von „Talita Kumi“ in einem großen Restaurantzelt auf den „Shephard Fields“, wo einst die Hirten von der Geburt Jesu erfahren haben sollen, und genossen noch einmal die Köstlichkeiten der Region.

 

Am nächsten Morgen hieß es Abschied nehmen, nicht nur von unseren palästinensischen Gastgebern, auch die Herren der Delegation blieben eine Woche länger. Im Flughafen von Tel Aviv hatten wir noch einmal Glück, wir wurden zwar sehr intensiv von Sicherheitsbeamten über unsere Reise befragt, aber nicht durchsucht, auch unsere Koffer blieben zu. Nach den Sicherheitskontrollen saßen wir noch eine Weile in der schönen Halle im Flughafen Ben Gurion, bevor unser Flieger die Heimreise antrat.
Zurück in Deutschland werden wir oft gefragt, ob wir denn keine Angst gehabt hätten. Nein, interessanterweise haben wir nie Angst verspürt, wir haben uns immer sicher und aufgehoben gefühlt und möchten gerne noch mal nach Bethlehem, denn es war für uns alle eine großartige Erfahrung.

 

Irmgard Zierden/Christiane Blass

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